Die Fed kann im Grunde nur falsch handeln

Hermannus Pfeiffer interviewt Prof. Dr. Dr. Helge Peukert
Taz vom 29.12.2015 Seite 8
Der Wachstumskritiker Helge Peukert hält die von der US-Notenbank eingeleitete Zinswende für egoistisch – und problematisch für Schwellenländer

Hermanus Pfeiffer: Herr Peukert, erstmals seit fast zehn Jahren hat die US-Notenbank Fed den Leitzins erhöht – und damit die Ära der zwei Geschwindigkeiten in der Weltwirtschaft gestartet: Während die Europäische Zentralbank noch stärker aufs Gaspedal drückt, tritt die Fed auf die Bremse. Weil die eigene Wirtschaft wieder brummt?

Helge Peukert: Erst einmal kommt es darauf an, auf welche Daten man schaut. Wir haben in den USA zurzeit tatsächlich 61 Millionen Menschen ohne Arbeit – viel mehr, als die offizielle Arbeitslosenquote von etwa 5 Prozent suggeriert. Und die Industrieproduktion ging zuletzt runter. Geht es der US-Wirtschaft wirklich besser? In der ökonomischen Profession sagen die einen, wie Joseph Stiglitz, die Zinserhöhung komme zu früh, andere, wie deutsche konservative Ökonomen, sie komme zu spät. Meine Meinung: Es ist schwer zu sagen, was der richtige Zinssatz ist.

Handeln die Amis zu egoistisch?

Die Fed kann im Grunde nur falsch handeln. Weil sie in jedem Fall die Instabilität erhöht. Wenn sie die Zinsen raufsetzt, wie jetzt begonnen, kriegen wir ein Problem in den Schwellenländern. Die USA machen nur noch 13 Prozent der Welthandelsexporte aus. Dennoch haben wir eine riesige Dollarzone: Weil 60 Prozent der Weltwirtschaft in Dollar gerechnet wird; an 85 Prozent aller Währungsgeschäfte sind Dollar beteiligt. Vor allem in Schwellenländern sind Banken und Unternehmen sehr hoch in Dollar verschuldet. Und die stehen ohnehin schon an der Kante.

Höhere US-Zinsen schaden also den Schwellenländern?

Sie treffen dort weniger die Staaten als vielmehr Banken, Unternehmen und private Haushalte hart. Für sie wird nun die Rückzahlung der Schulden wegen eines steigenden Dollar-Wechselkurses real teurer – da sie ihre Landeswährung in Dollar tauschen müssen.

Und wenn die Fed den Nullzins beibehalten hätte?

Das hätte an einer anderen Ecke die finanzielle Instabilität erhöht. Aktienindizes und Vermögenspreise wären dann noch weiter gestiegen.

Es drohen Spekulationsblasen. Sie kritisieren, dass international frei fließendes Kapital auf „nationale“ Notenbanken stößt …

… die eigentlich nur die wirtschaftliche Situation ihres Landes im Auge haben. Wir haben eine zunehmend globalisierte und vernetzte Welt, wir haben aber kein globales Geld.

In diesem Sinne ist die erste Anhebung des Leitzinses seit fast zehn Jahren egoistisch.

Genau.

Freie Kapitalmärkte gegen „nationale“ Notenbanken. Was schlagen Sie vor?

Da gibt es keine perfekte Lösung. Sinnvoll wären Wechselkurszielzonen zwischen Yen, Euro und Dollar; eine Tobinsteuer und langfristig auch, wenn nötig, Kapitalverkehrskontrollen. Etwa, um die enormen Schwankungen in kurzer Zeit zwischen Dollar und Euro von 20 Prozent zu bremsen. Das Ziel ist mehr Stabilität.

Wer soll dafür sorgen?

Am besten wäre eine übergeordnete, internationale, demo­kratisch kontrollierte Institution.

Aber die USA haben kein Interesse an einer Lösung, die das Gewicht des Dollar mindert.

Sie brauchen sich nicht um den für sie unwichtigen Wechselkurs sorgen, sie haben niedrigere Zinsen, sie können ein beliebig hohes Außenhandelsdefizit und eine beliebig hohe Staatsverschuldung haben. Da sie als Einzige das Geld für internationale Transaktionen selber drucken und die Notenbank Fed bereit ist, das zu finanzieren. Darauf dürften sie bestenfalls nach einem neuen Crash zu verzichten bereit sein.

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