Zins und Inflation – Eine verhängnisvolle Affäre

Die Ökonomie beginnt heute weitestgehend mit dem „Zins“, ein Instrument, welches im Grunde eine Gebühr für das Verleihen von Geld darstellt.

Das Wort „Zins“ stammt aus dem Lateinischen und geht auf „census“ bzw. „censere“ zurück und bedeutet „Abschätzung“ bzw. „schätzen“. Aus diesem Begriff leitete sich im Zeitalter der Merowinger (5-7 Jh.) der Begriff „Zensus“ ab, welcher als Synonym für Abgaben benutzt wurde. Der „Censit“ (Zinsschuldner) musste damals diese Abgabe entweder in Form von Getreide („Korngült“) oder sonstigen Naturalien, sog. „Küchenzinsen“ (zB Eier, Gänse, Hühner) leisten. Später kamen der „Erbzins“ (Erbpacht) und der „Pfennigzins“ (Geldgebühren) hinzu. Allerdings wird heute das Wort „Zensus“ nur noch als Synonym für eine Volkszählung gebraucht.

Der Zins ist heute ein Forschungsobjekt in vielen wissenschaftlichen Disziplinen wie den Wirtschaftswissenschaften, Rechtswissenschaften, der Kulturwissenschaften, der Soziologie, der Politologie und dergleichen. Die Wirtschaftswissenschaft definiert den Zins als „Preis für die befristete Überlassung des Produktionsfaktors Kapital“. Diese „Kapitalüberlassung“ hat zwei Formen, den Kredit und die Geldanlage. Bei einem Kredit zahlt man Zinsen, bei einer Geldanlage erhält man Zinsen.

Die Wirtschaftswissenschaften lehren uns, dass die Zinsen ein „Entgelt“ für den „Geldverleiher“ darstellen, welcher er erhält für die theoretisch entgangene eigene Nutzung dieses Geldes. Sie wird deshalb auch als „Opportunitätskosten“ bezeichnet. Die Wirtschaftswissenschaften lehren uns auch, dass bei „knappem“ Kapital- oder Geldangebot das Zinsniveau hoch sein muss und bei einem „Überschuss“ niedrig sein müssen. Die Knappheit bzw. Überschuss des Geldes wird in der Regel von den nationalen Zentralbanken gesteuert und zwar durch den „Leitzins“, welcher einen direkten Einfluss auf die Kapital- und Geldmarktzinsen nimmt.

Der Zins wird mathematisch wie folgt gerechnet: Der Geldverleiher stellt dem Geldleiher 100 Euro zur Verfügung und vereinbaren eine Rückzahlung innerhalb eines Jahres mit einem „Jahreszins“ (also der Zinssatz, den der Geldleiher als Gebühr zusätzlich auf die geliehene Summe nach einem Jahr zahlen muss) von 5%. D.h. der Geldleiher muss dem Geldverleiher nach einem Jahr 100*(1+5%) = 100*1.05 = 105 Euro zurückzahlen.

Will der Geldleiher allerdings in 10 Jahren in einem Stück zurückzahlen, kommt der Zinseszinseffekt ins Spiel: 100*1.05*1.05*1.05*1.05*1.05*1.05*1.05*1.05*1.05*1.05 = 100*1.0510 = 100*1.63 = 163 Euro. D.h. der Geldleiher muss dem Geldverleiher 163 Euro zurückzahlen. Dies nennt man einen „exponentiellen Effekt“, d.h. der Zins ist mathematisch eine exponentielle Funktion. Würde er in 100 Jahren zurückzahlen, wären es schon 14.841 Euro, also mehr als das 148-fache des geliehenen Geldes.

Allerdings gibt es auch einen „Schmälerungsfaktor“ des Zinsgewinnes, die sog. „Inflation“. Das Wort Inflation leitet sich vom lateinischen Wort „inflatio“ ab, was „Schwellung“ bzw. „anschwellen“ bedeutet. In den Wirtschaftswissenschaften bezeichnet die Inflation „eine allgemeine und anhaltende Erhöhung des Preisniveaus von Gütern und Dienstleistungen (Teuerung), gleichbedeutend mit einer Minderung der Kaufkraft des Geldes“.

Grob gesagt, wird die Inflation gemessen durch „jährliche Preisänderungen von Gütern und Dienstleistungen bestimmter Warenkörbe“. Am häufigsten wird zur Messung der Inflation der Verbraucherpreisindex herangezogen. Der Index wird mit Hilfe eines Warenkorbs berechnet, der in einem bestimmten Jahr (Basisjahr) repräsentativ für einen durchschnittlichen Haushalt festgesetzt wird. Also auf Deutsch, wenn eine Ware vor einem Jahr 10 Euro kostete und heute eben aus verschiedenen Gründen 15 Euro kostet, hat diese Ware eine „Inflation“ innerhalb eines Jahres erlebt. Die durchschnittliche Verteuerungsrate „aller“ Waren (bzw. der repräsentativen Waren im Warenkorb) in einem Jahr wird eben die durchschnittliche jährliche Inflation bezeichnet und beschreibt im Grunde die Wirkung der Preisänderungen auf die Kaufkraft der Menschen in einer „Währungszone“ bei gleichbleibenden Einkommen (Hoffentlich gibt es dann echte Gewerkschaften, welche dann eine Erhöhung der Gehälter einfordert, um dieser Inflation begegnen zu können).

Die Inflation kann für die Politik ein interessanter Wirkungshebel sein, wenn der Staat oder Unternehmen Geldschulden in nationaler Währung an Drittstaaten durch „Abwertung“ quasi verringert. Allerdings wären Schulden in Fremdwährungen dann wesentlich teurer, falls der Staat oder Unternehmen hohe Schulden in Fremdwährungen besitzen.

In den gängigen ökonomischen Lehren (oder Ideologien), dem Liberalismus, Neoliberalismus, Keynesianismus, Neokeynesianismus und dergleichen gilt folgendes Postulat: Höhere Inflation bedarf einer Erhöhung der Zinsen, der mindestens so hoch ist wie die geschätzte Inflation oder gar höher.

Dieses Postulat erscheint zunächst sinnvoll, denn ansonsten verlieren Einlagen bei niedrigeren Zinsen als der Inflationswert über die Dauer ihre „Gleichwertigkeit“. Denn wenn man 100 Euro Einlagen hat zu einem Jahreszinssatz von 5%, erhält man nach einem Jahr 105 Euro. Ist die Jahresinflation allerdings 10%, dann ist die reale Wertigkeit der 105 Euro im Vergleich zu letztem Jahr eben 105*0.9 = 94.50 Euro, d.h. es hat deutlich an Wert und damit an Kaufkraft und Gleichwertigkeit verloren.

D.h. der Wertverlust in der Währung „zwingt“ den Staat, noch mehr Geld zu „besorgen“. Das gängige Geldsystem sieht vor, dass der Staat Staatsanleihen ausschüttet und am „Freien Markt“ anbietet und hoffentlich „Käufer“ findet. Und Käufer findet der Staat nur dann, wenn der Käufer „mehr“ zurückbekommt, als er reell eingezahlt hat. Und das tut der Käufer nur, wenn die Zinsen höher als die Inflation sind.

Aber Fakt ist, dass dieses Postulat versagt bei sehr hohen Inflationen und entsprechend dem Postulat resultierenden hohen Zinsen. In allen bekannten Fällen der großen „Inflationsfälle“ wurden folgende Effekte beobachtet: Eine „Inflation“ tritt ein, sei es durch Misswirtschaft, Abwertung der Nationalwährung etc., was die nationale Zentralbank veranlasst, die Zinsen zu erhöhen. Die Erhöhung der Zinsen verteuert die Kredite für die Konsumenten als auch für die Unternehmen. Die Unternehmen verrechnen die Zinsbelastungen in ihren Preisen, was die Preiserhöhungen weiter antreibt, auf der anderen Seite können sich die Konsumenten dadurch immer weniger beleisten, da die Gehälter entweder gar nicht, kaum oder leicht erhöht wurden, so dass die Verteuerungen in der Lebenshaltung nicht komplett kompensiert werden können. D.h., die inländische Kaufkraft geht massiv zurück.

Mit dem Rückgang der Kaufkraft können die Unternehmen weniger umsetzen, bleiben auf Waren sitzen, so dass diese ihre Kosten weiter senken müssen. Es kommt zu Entlassungen und damit steigt die Anzahl der Arbeitslosen, welche wieder zur Folge hat, dass die inländische Kaufkraft weiter sinkt. Mit dem Anstieg der Arbeitslosigkeit und dem Sinken der Kaufkraft entgeht dem Staat immer mehr Steuereinkünfte, so dass der Staat Schulden aufnehmen muss und aufgrund der Inflation immer mehr in Fremdwährungen. Zur Begleichung dieser Schulden in Fremdwährungen muss der Staat selbst wieder Anleihen herausgeben und um attraktiv zu bleiben mit Zinssätzen, die höher sind als die Inflationsrate.

Der Staat manövriert sich immer mehr in eine ausweglose Situation und rutscht in eine schwere Rezession. Es kommt zu Massenpleiten kleiner, mittelständischer und zuletzt auch von Großunternehmen und somit zur Massenarbeitslosigkeit, so dass dem Staat nahezu komplett die Steuereinnahmen wegfallen. Der Staat schlittert in eine Hyperinflation.

Das Postulat „Ansteigen der Inflation bedarf einer Erhöhung der Leitzinsen“ kann also einen Nationalstaat ruinieren. Dieses Postulat ist als „Notwendigkeit“ definiert, da das Geld eben nur durch herausgeben von Anleihen „erzeugt“ werden kann und somit das Geld nicht nur zur Tauschware macht, sondern auch zur Handelsware, welche eben als Anlage einen „Zins“ abwerfen soll.

Das obige Beispiel macht klar, dass die Steuerung der Geldmenge über den Zins volkswirtschaftlich einen großen Schaden verursacht.

Des Weiteren zeigen die „Quantitative Easing“ Programme der FED bzw. der EZB, dass man trotz massivem Hochschrauben der Geldmenge die Zinsen auf Null setzen bzw. sogar Negativzinsen verrechnen kann, d.h. dafür, dass man sein Geld zur Verfügung stellt sogar noch eine Gebühr entrichtet, was im Grunde die ganzen Lehren der Wirtschaftswissenschaften auf den Kopf stellt, denn die Zinsen sind damit nicht mehr „Opportunitätskosten“, die beglichen werden müssen sondern „Opportunitätspreise“, die bezahlt werden müssen und zwar vom „Geldverleiher“.

Japan lebt seit fast drei Dekaden bis heute sehr gut „ohne (bzw. mit negativen) Zinsen“.

Natürlich haben die reichen Staaten „sehr gute Gründe“ ihre eigene „Glaubenspositionen“, wie zB das Postulat zu Zins und Inflation, temporär auszusetzen. Aber es zeigt sehr deutlich, dass es dem „Anleihekäufer“ anscheinend nicht mehr nur um den Zins geht.

Trotz der massiven Geldmenge auf dem Markt gibt es anscheinend keine nennenswerte Inflation, obwohl in den meisten Großstädten und sogar Kleinstädten nahe den Großstädten die Miet-, Grundstücks-, Wohnungs- und Hauspreise in den letzten 10 Jahren fast verdoppelt haben.

Ein weiterer deutlicher Indikator ist auch der starke Anstieg des Goldpreises. Gold ist ein „Edelmetall“ und der Preis dieses Edelmettals hängt natürlich von Angebot und Nachfrage ab. Doch real gibt es weder eine Goldknappheit noch eine größere Goldnachfrage. Dennoch sieht man sehr schön, dass der Trend des Goldpreises stetig nach oben zeigt, also „on the long run“ immer „teurer“ wird. Daher ist der Goldpreis ein sehr guter Indikator für den realen „Geldwert“ einer nationalen Währung.

Der Goldpreis ist seit den Krisenzeiten massiv angestiegen und vor allem durch das „Quantitative Easing“ Programm der Zentralbanken (FED, EZB, BoE etc.). Die Geldmenge ist so stark angestiegen, dass es auf „magische“ Weise eben nicht als Inflation massiv auf die Bürger zurückfällt.

Würde dies ein „Drittstaat“ machen, d.h. ein afrikanisches oder asiatisches Land (außer Japan oder Korea), würden die Medien jeden Tag diesen Staat in Grund und Boden reden und alles daransetzen, diesen Staat ökonomisch wieder „zurück auf Linie“ zu bringen (Weltbank, IMF, Privatisierung etc.).

Ein schönes Beispiel ist die Türkei, dessen Regierung sich vehement gegen die Erhöhung der Leitzinsen stemmte und zuletzt durch massive Verkäufe der Türkischen Lira vor allem durch japanische, dann von britischen und deutschen Banken, trotz deren massiver Verluste, der Türkei eine Zinserhöhung aufgezwungen wurde. Ohne reale Not hatte die TL fast 30% an Wert verloren und sich mit viel Mühe auf 10-15% Verlust stabilisiert und damit der Türkei eine Inflation von 20% beschert.

Schaut man allerdings auf die ökonomischen Fundamentaldaten der Türkei, welche unter den Top 20 Ökonomien aufgelistet wird, sind weder die 20% Inflation noch eine massive Erhöhung der Zinsen gerechtfertigt. Obwohl die türkische Wirtschaft wesentlich stärker und stabiler ist als die gesamte Ost-EU, wird der Türkei ein Rating von „BB“ zugewiesen und Staaten wie Polen oder Bulgarien „A“ oder „BBB“.

Ein anderes schönes und aktuelles Beispiel ist Venezuela. Venezuela ist eigentlich eines der reichsten Staaten der Erde, denn es besitzt die größten Erdölreserven der Welt und befindet sich unter den Top-10-Staaten mit den größten Erdgasreserven. Dazu ist das Land reich an Goldressourcen und anderen wertvollen Bodenschätzen. Und dennoch, Venezuela wurde politisch sukzessiv durch amerikanische und europäische Wirtschaftspolitik sowie die Inkompetenz der venezolanischen Regierung (keine Diversifizierung der eigenen Wirtschaftspolitik, zu spät erfolgte Verträge und Abmachungen mit Drittstaaten wie China, Russland und der Türkei als Gegengewicht zu USA und EU) in den Bankrott getrieben.

Wie kann ein so reicher Staat in die Hyperinflation getrieben werden? Ganz einfach, durch politische Wirtschaftsblockade seitens der USA und der EU, den größten Wirtschaftspartners Venezuelas. Denn Venezuela hat sich zu sehr darauf verlassen, dass die USA und EU auf Dauer weiter mit der venezolanischen Regierung arbeiten werden und haben deren Hang zu Ränkeschmieden (und der Einsetzung ihnen genehmer Diktaturen) unterschätzt und sich zu spät um alternative Märkte gekümmert, wie z.B. China, Russland und die Türkei etc. Zudem haben sie eine Diversifizierung der eigenen Märkte verschlafen und sich zu sehr auf ihre Bodenschätze verlassen.

Fazit: Der Lehrsatz „Bei steigender Inflation müssen die Zinssätze erhöht werden“ ist daher eine reine Ideologie und ein geeigneter Mechanismus, Staaten in die Schuldenfalle zu treiben und weiter in die Abhängigkeit reicher und mächtiger internationaler Banken und Konzerne zu zwingen. Und das wiederum funktioniert nur, solange der Zins der einzige Mechanismus ist, die Geldmenge zu steuern und Geldschöpfung zu betreiben.

Der Haupttreiber der Inflation ist der Zins und nicht umgekehrt. Zinsen treiben Produktionspreise, Mieten und Lebenshaltungskosten im Allgemeinen in die Höhe, was wiederum unweigerlich zu Inflationen führen. Die exponentielle Natur des Zinses ist zerstörerisch und kennt nur eine Richtung: Reiche immer schneller noch reicher, Arme immer schneller noch ärmer.

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